Dorotheas Briefe

An Steffi über etwas Unerhörtes

An Steffi über etwas Unerhörtes

Liebe Steffi,

etwas Unerhörtes ist mir gerade passiert.

Du weisst ja, dass es mir sehr leicht fällt, jede Sekunde für etwas Schönes, Gutes, Praktisches zu nutzen, anstatt zum Beispiel sinnlos zu früh am Bahnhof zu warten.

Bevor ich heute zur Gambenstunde aufbrach, wollten die Tassen im Küchenregal noch nach Farben sortiert werden. Ich arrangierte sie von Hellrosa links nach Dunkelpink rechts und sah dann, dass es im Gesamtbild doch besser umgekehrt wäre. Also von Dunkelpink links nach Hellrosa rechts.

Dann packte ich meine Gambe und spurtete zum Zug. Zum Glück fährt die S-Bahn nach Zürich gleich ganz vorne an Gleis 1, dahin habe ich den kürzesten Weg.

Als ich mit wehendem Rock, die Gambe auf dem Rücken mit beiden Händen stützend, den Bahnsteig erreichte, klickte der Sekundenzeiger gerade auf die Zwölf, mit kurzem Zittern zog der Minutenzeiger nach. Abfahrtszeit!

Leider war die S-Bahn ein Kurzzug. Mit der Gambe auf dem Rücken wollte ich keinen Sprint bis zur Mitte des Bahnsteigs riskieren.

Ich ergab mich also dem mir nicht unbekannten Schicksal der Sorte "Vor der Nase abfahrender Zug" und beschloss, den nächsten Zug zu nehmen und etwas verspätet zum Gambenunterricht zu kommen.

Langsam setzte sich die S-Bahn in Bewegung, während ich aufhörte zu rennen. Noch etwas ausser Atem schlenderte ich den Bahnsteig entlang.

Und dann geschah es.

Als der Zug auf meiner Höhe war, hielt er an. Die grünen Türsignale leuchteten wieder auf und luden mich zum Einsteigen ein.

Nach einer Sekunde der Fassungslosigkeit drückte ich freudig-perplex den Knopf und stieg ein.

Stell Dir das mal vor: Der Lokführer hatte mich angerannt kommen sehen, war einige Meter am Bahnsteig nach vorne gefahren und hatte dann noch einmal angehalten und die Türen freigegeben. Extra für mich.

Für eine Frau mit einem grossen Instrument auf dem Rücken, die in ihren Blümchenpumps offensichtlich den Zug verpasst hätte.

Ich weiss nicht, ob der Lokführer mein ungläubiges Lächeln sehen und meine Freude spüren konnte. Ich hoffe es sehr.

Vielleicht schreibe ich Dir deshalb so ausführlich über diese wenigen Sekunden, weil mich diese kleine Geste so berührt hat.

Der Lokführer hätte ja - quasi als erzieherische Massnahme (wie sollte er auch wissen, dass das bei mir nichts nutzen würde?) - extra abfahren können, anstatt mich für meine Unpünktlichkeit zu belohnen.

Womöglich hat er sich auch über irgendwelche Sicherheitsvorschriften hinweggesetzt - wer weiss das schon.

Vielleicht verbirgt sich hinter diesem Lokführer jemand, dem es bei seiner hochstandardisierten Arbeit eine Genugtuung ist, einmal am Tag etwas Unvernünftiges zu tun? Und damit jemandem eine riesige Freude zu machen? Ist er womöglich auf der Suche nach einer verbündeten Botschafterin jener unvernünftig-lebenswerten Momente, die sich nicht so recht in Regeln und Vorschriften fassen lassen? Und sah er mir an, dass ich für so etwas zu haben wäre?

Fakt ist: Da vorne im Zug sass ein Mensch, der mich gesehen hat.

Er hätte einfach weiterfahren können (müssen?). Stattdessen hielt er noch einmal an.

Und plötzlich war aus dem ganz gewöhnlichen Weg zur Gambenstunde ein Tag geworden, an den ich mich noch lange erinnern werde.

Wie schön, dass es so viel Menschlichkeit gibt.

Deine Dorothea

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