Dorothea schreibt

Als ich vier war, beschloss ich, Geige zu spielen und nur noch schöne Kleider zu tragen.


Das Geigespielen liess sich mit einiger Beharrlichkeit, wenn auch etwas verzögert, umsetzen. Nachdem ich beim Schnuppertag in der Musikschule wegen meines kleinen Fingers, der angeblich zu kurz war, abgewiesen worden war, drohte ich den Musiklehrern empört, ich würde so lange jedes Jahr wieder zur Vorstellung erscheinen, bis sie mich aufnähmen.

Tatsächlich durfte ich zwei Jahre später mit dem Violinunterricht beginnen.

Erst viel später begriff ich, dass dies weniger meiner Beharrlichkeit zu verdanken war als vielmehr dem Einsatz meines Vaters. Er war Direktor eines Polstermöbelherstellers und konnte deshalb dem Direktor der Musikschule nach guter ostdeutscher Manier ein Sofa unter dem Ladentisch besorgen.

Ein Platz auf dem Sofa für einen Platz an der Musikschule – so kreativ war unsere Währung in der DDR.

Das mit dem Nur-noch-schöne-Kleider-Tragen gestaltete sich schwieriger.

Schöne Kleider waren für mich per Definition helle, bunte Sommerkleider mit schwingenden Röcken. Meine Mutter verstand nicht, dass man diese Kleider genauso gut im Winter tragen konnte. Oder im Wald beim Pilzesammeln, beim Basteln in Opas Drechselwerkstatt, beim Indianerspielen mit den Nachbarskindern oder beim Ausmisten des Hasenstalls.

Heute schlüpfe ich jeden Morgen in einen wunderschönen Rock. Und wann immer ich es vor dem Verlassen des Hauses noch schaffe, eine farblich kontrastierende Jacke auszuwählen, ohne den Zug zu verpassen, tue ich das.

Dann renne ich zufrieden zum Bahnhof, steige zehn Sekunden vor der Abfahrt in den Zug und freue mich.

Darüber, dass ich den Zug erwischt habe. Dass das Muster meines Rockes im schummrigen Morgenlicht besonders schön schimmert. Und darüber, dass der Tag lauter unerwartete Dinge bereithält, die mich neugierig machen.

Und weil ich all das Schöne, Lustige, Nachdenkliche, Überraschende, Feinsinnige, Traurige, Unerwartete, Anregende, Berührende, das ich erlebe, nicht an Bügeln in meinem Kleiderschrank aufhängen kann, schreibe ich es in Briefen an die Menschen, die mir wichtig sind.


In Dorotheas Briefen stöbern →

Suchen