Dorothea
Eigentlich wollte ich Kleidung verkaufen. Dann zog Dorothea in meinem Laden ein.
Mein Name ist Susan Čonka. Susan mit Betonung auf dem a und Čonka mit Haček über dem C. Der kleine Haken ist dafür zuständig, dass das C als Zischlaut ausgesprochen wird, also «Tschonka».
Weil meine persönliche Grundregel für mein Leben lautet: «Vernünftig ist nur das, was alle anderen keinesfalls tun (würden).», habe ich einen Kleiderladen eröffnet.
Meine Grundnahrungsmittel sind Grießbrei, Schlagsahne, Barockmusik, Berührungen, Farben und Geschichten.
Jetzt weißt Du das Wichtigste über mich. Wenn Du mehr wissen willst, lies weiter. Manches an mir wird dann für Dich vielleicht klarer, aber dass Du mein Tun und Lassen verstehen wirst, kann ich Dir nicht garantieren.
Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen, in einem kleinen Dorf am Rand des Osterzgebirges. Die DDR war das Paradies für Regeln, der Traum von Einheitlichkeit. Wir hatten Einheitspreise, lebten in Einheits-Einfamilienhäusern oder Einheitsplattenbauten, putzten unsere Zähne mit einer Zahncreme, die nach dem offiziellen «sozialistischen Einheitsgeschmack: fruchtig» schmeckte, stopften die Löcher in unseren Socken und Feinstrumpfhosen mit Einheitskurzwaren, trugen bei der Hausarbeit Einheits-Dederon-Kittelschützen in Einheitsgröße.
Du kannst Dir vielleicht vorstellen, daß es nicht einfach war, unter diesen Bedingungen meine persönliche Lebensgrundregel sorgfältig zu verfolgen und beständig weiterzuentwickeln. Und trostspendende Bananen gab es ja auch nur einmal pro Jahr, einheitlich eine pro Person …
Schließlich kam die Einheit selbst zu uns.
Das war das einzige Mal, an dem ich gerne gemacht hätte, was alle taten: Montags auf die Straße gehen und demonstrieren. Leider gab es in unserem 400-Einwohner-Dorf keine Demonstrationen und nach Dresden durfte ich mit meinen 9 Jahren nicht.
Jahre später saß ich am ersten Tag meines Medizinstudiums mit 400 anderen Studenten im überfüllten Hörsaal. Der Professor vorne sagte uns zur Begrüssung, daß wir in einer Zeit der Ärzteschwemme lebten. Auf uns Mediziner würde keiner warten. Wir mögen uns doch bitte gut überlegen, ob es sich überhaupt lohne, das Studium zu beginnen, wenn man danach nicht gebraucht würde.
Ich rechnete nach, während er redete: 13 Semester Regelstudienzeit, also knapp sieben Jahre, wenn man es auf dem kürzesten Weg schaffte. Das wäre im Jahr 2009. Wer weiß, was dann ist? Bis dahin könnte sich das Blatt längst gekehrt haben.»
So war es auch.
Nach dem Studium wurde ich Ärztin in der Psychiatrie. Ich liebte die Geschichten der Menschen, die zur Therapie kamen. Sie erzählten von ihren bunten, verschlungenen Lebenswegen, von ihren Tiefen und Höhen. Ihre Offenheit und ihr Vertrauen berührten mich.
Trotzdem meldete sich immer wieder die Abenteuerlust. Sie flüsterte mir zu, dass ich doch nicht den ganzen Tag im Sessel sitzen und reden könne. Mit der Zeit wurde sie lauter und frecher, erzählte mir, in welch herrlich verdutzte Gesichter man blicken würde, wenn man den Arzt-Job an den Nagel hinge. Ob es meine Abenteuerlust oder meine persönliche Lebens-Grundregel war, kann ich heute nicht mehr genau sagen; jedenfalls schickte mich eine von beiden auf Jobsuche.
Tatsächlich fand ich einen Menschen, der einen Produktmanager suchte. Er wusste vermutlich genau, dass ich keine Ahnung hatte, was ein Produktmanager ist und was der macht. Trotzdem stellte er mich an.
Das sprach eindeutig für ihn.
Er wurde mein Chef.
Da man mit seinem Chef nicht ins Bett steigt, tat ich genau das.
Daß er sich darauf einließ, sprach wieder für ihn.
Er wurde mein Traummann.
Daß er nie mit weniger als 4 neuen Büchern aus einem Buchladen rausging, die leckersten Chräbeli buk, sich im Restaurant nie setzte, bevor ich nicht meinen Platz eingenommen hatte und daß er weder Trainer noch Adiletten besaß, sprach ebenfalls für ihn.
Er wurde meine große Liebe.
Glücklicherweise ließen ihn meine kontinuierlich wachsenden Sammlungen von Bänderröcken, altem Porzellan, Muscheln, Weihnachtsdeko, Federn, Hüten und Hasenpfoten nicht davor zurückschrecken, eine Wohnung und seinen Alltag mit mir zu teilen. Ich glaube, er verträgt eine Portion Exotik, vielleicht findet er das sogar anziehend. Wer weiß das schon.
Jedenfalls wirkte er nicht überrascht, als ich ihm vorschwärmte, wie schön ein eigener Kleiderladen wäre, mit Bänderröcken von Lena Hoschek und mit meinem rosa Sofa drin.
Auf die Idee kam ich, weil ich fast täglich auf mein Outfit angesprochen werde. Manche schauen auf meinen Rock und lächeln mir dann ins Gesicht. Andere bleiben stehen und machen mir ein Kompliment. Manche fragen mich, wo ich das gekauft habe. Ich komme mit diesen Menschen ins Gespräch, höre ihre Geschichten und sehe ihre Augen leuchten. Und dann gehen wir auseinander und freuen uns beide über die unerwartete, anregende Begegnung. Danach geht man immer ein bisschen beschwingter wieder seiner Wege. Es ist so leicht, mit fremden Menschen einen Moment Freude zu teilen.
Ich kontaktierte Lena Hoschek und erkundigte mich, wie man Händler wird. Das ging ganz einfach. Ich bestellte spontan 15 Röcke in verschiedenen Grössen. Da ich weder einen Raum noch Zeit zum Verkaufen hatte, legte ich die Röcke alle fein säuberlich zwischen Lagen Seidenpapier auf das rosa Sofa im Büro meines Traummannes. Hin und wieder fragte er mal nach, was ich eigentlich mit den Röcken vorhätte. Ich sagte ihm, dass ich das auch nicht wüsste und fest darauf vertrauen würde, dass die Röcke irgendwann ihre Bestimmung finden würden. Man müsse ihnen nur etwas Zeit geben.
Als ich einige Monate später zu Kunst & Mode Stajan nach Graz reiste, ahnte ich nicht, dass das der Moment werden sollte, auf den die Röcke auf dem rosa Sofa geduldig gewartet hatten. Ich stand mit Brigitte Stajan in ihrem Atelier und probierte ein Outfit, das sie mir angefertigt hatte. Schwingender olivgrauer Samtrock, pinkfarbene Weste, senfgelbe Jacke. Ich konnte mich nicht satt sehen an den Farben, Stoffen und Designs. Frau Stajan zeigte mir alles und ließ mich unzählige Kleidungsstücke probieren. Sie schaute mich an und meinte: «Unsere Mode ist wie für Sie gemacht. Wollen Sie sie nicht in der Schweiz verkaufen? Sie wären perfekt dafür.» Ich war begeistert, fühlte mich sofort heimisch und energetisiert in dieser Umgebung und kam mit einem Koffer voll farbenfroher Sachen, Geschichten und Ideen nach Hause.
Und ich hatte die perfekte Ergänzung zu den Röcken gefunden: Stajan-Jacken, die ich selbst passend zu den Röcken designen könnte.
Keine zwei Wochen später stieß ich vor unserer Haustür auf einen Aushang: In der Vitrine im Killer, dem Kunsthandwerkes-Atelier unter unserer Wohnung, war ein kleiner Raum zu vermieten.
Es war, als würde sich ein 1000er-Puzzle wie von Zauberhand selbst zusammensetzen. Mein Traum von einem eigenen Laden, die Bänderröcke von Lena Hoschek auf dem rosa Sofa, die Jacken, die Begegnung mit Frau Stajan, der freiwerdende Raum im Haus …
Jeder vernünftige Mensch hätte an dieser Stelle einen Businessplan gemacht. Ich unterschrieb stattdessen den Mietvertrag, buchte einen Flug nach Graz und ein Hotel dazu und stellte mit Hilfe von Frau Stajan meine erste Kollektion Jacken zusammen.
Zwei Monate später übernahm ich den Raum, der vor Jahren als Buffet eines Restaurants gedient hatte. Die 16 Quadratmeter beherbergten eine alte Küchenzeile mit Chromstahlarbeitsplatte und jede Menge Rohre mit geheimnisvollen Kabeln und Leitungen, deren einstige Bestimmung von den großzügigen Kabelkanälen an den Wänden und vom robusten Gummiboden gut gehütet wurde.
Ich stellte mir vor, dass in diesen vermeintlich leeren Röhren die Geschichten leben, die hier früher im Restaurant erzählt wurden. Sie gluckern statt des Stroms, der Kühlungsluft und des Wassers im Rohrnetzwerk unentdeckt durch den Raum. Sie trauen sich nicht ans Licht, weil die schwarze Küchenzeile ihnen Angst einflößt und der kalte Chromstahl den Raum ungemütlich macht.
Gemeinsam mit einer Schreinerin, einer Metallbauerin und einem Maler rückten wir - ausgestattet mit Flex, Säge, Schleifmaschine und Pinsel - allen Häßlichkeiten zu Leibe und befreiten den Raum vom Schwarz, vom Gummi, vom Chromstahl und von einem furchtbaren Papierhandtuchspender aus Plastik. Behutsam betteten wir die Geschichtenrohre in Eichenholz und tauchten sie in glücklichmachende Farben.
